Warum du kein Talent brauchst, um zeichnen zu lernen

Brauche ich Talent zum malen oder kann man das lernen

Ich würde ja gerne malen, aber ich kann nicht zeichnen, ich habe kein Talent, ich bin nicht gut genug etc … Diese Sätze sind gleich in mehrfacher Hinsicht richtige Killer-Aussagen.

Dabei – um es gleich vorweg zu nehmen, ist es ein Mythos, dass man unbedingt Talent braucht, um zeichnen zu können. Zeichnen ist eine Fähigkeit, die man lernen kann wie Klavier spielen.

Ich möchte dir sagen, warum es ein Killersatz ist, wenn du sagst, du hast kein Talent …

Erstens: wenn du es glaubst, dann wird es auch so sein und es wird sehr schwer werden, zeichnen zu lernen, denn für dich ist das ja die Wahrheit. Das Wichtigste ist also schon mal, sich der Möglichkeit zu öffnen, dass dieser Glaubenssatz nicht wahr ist – wie wir weiter unten sehen werden. Wenn du bereit bist, diesen Glauben los zu lassen, dann geht’s weiter mit 2.

Zweitens: Was bedeutet ‚ich kann nicht malen?‘ Gar nicht malen können gibt’s überhaupt nicht. Wenn du schreiben kannst, dann kannst du auch malen, denn das bedeutet nur, mit dem Stift oder einem anderen Medium Spuren auf dem Papier zu hinterlassen. Auch Striche und gewellte Linien sind gemalt. Und das kann schätzungsweise so gut wie jeder Mensch, manche sogar mit den Füßen oder mit einem Stift im Mund. Was ist also gemeint mit: Ich kann nicht malen? Gibt es sozusagen 2 Lager – die, die malen können und die, denen es nicht in die Wiege gelegt wurde und die es  gar nicht können? Ist es tatsächlich so, dass Malen eine Fähigkeit ist, die man entweder gar nicht beherrscht oder aber zur Perfektion? Stell dir mal folgendes Bild vor: die einen liegen demnach bei null, die anderen bei 100%.

In diesem Gedanken sind gleich mehrere Denkfehler enthalten. Als erstes ist es schon mal merkwürdig, dass es jemanden geben soll, der perfekt malen kann und der einfach alles malen kann, was er möchte. Wie wir alle wissen, gibt es das nicht – perfekt in irgendetwas zu sein. Außerdem: Was ist schon perfekte Kunst? Photorealismus vielleicht? Die Beurteilung von Kunstwerken liegt doch immerhin im Auge des Betrachters und für mich zeigt photorealistische Kunst beispielsweise einen recht geringen eigenen kreativen Anteil des Künstlers selbst, auch wenn er sein Handwerk bis zur Perfektion beherrscht und ich das bewundere. Außerdem gibt es so gut wie niemanden, der jegliches Motiv auf der Welt sofort und ohne Übung auf dem Papier umsetzen kann oder der jedes Medium, das es gibt beherrscht und damit spielend leicht umgehen kann.

Die größte Frage ist allerdings folgende: Zwischen null und einhundert soll es nichts geben? Wie du sicher erkennst, kann das schon mal nicht sein. Irgendwo dazwischen kann sich jeder einmal versuchen einzuordnen, denn gemalt haben in ihrer Kindheit sicher alle Menschen – wenn auch einige wenige vielleicht nur gezwungenermaßen im Kindergarten und der Schule. Nun ist es so, dass dein heutiger Kenntnisstand und deine heutigen Fähigkeiten zu malen und zu zeichnen etwa auf dem Stand sind, wie zu eben jenem Zeitpunkt als du als Kind oder Teenager aufgehört hast zu malen oder dir Neues auf diesem Gebiet anzueignen.

Zurück zu unserer Frage: Warum sagen Menschen, dass sie nicht malen können? Die meisten sagen es, weil sie damit ausdrücken wollen, dass sie nicht auf die Art und Weise malen können, dass man erkennt, welches Objekt die Zeichnung darstellen soll und/oder ihnen das Ergebnis demnach nicht gefällt. Was ist dann aber mit abstrakter Kunst? Die wurde auch gemalt. Dazu braucht man keine speziellen Fähigkeiten – man lässt sich einfach von seiner Intuition leiten und bringt Farben und Formen auf das Papier. Zum Zeichnen hingegen braucht man schon etwas Wissen und Übung, um diese Fähigkeit so auszubauen, dass man Motive auf wiedererkennbare Weise auf das Papier bringen kann. Wohlgemerkt – ich sage nicht: man braucht Talent! Talent ist ein schöner Ausgangspunkt, aber mehr nicht. Zeichnen-können ist nun einmal definitiv keine Sache, die den einen gottgegeben ist, anderen aber nicht.

Woher kommt der Mythos vom Talent?

Vielmehr ist es also tatsächlich eine Fähigkeit, die jeder erlernen kann – genau wie Klavier spielen und Auto fahren. Warum ist es bei jeder anderen Tätigkeit normal, dass man Wissen und Übung braucht und dass man sie ganz langsam lernen darf – nur für das Malen soll das nicht gelten? Ich nehme an, das kommt daher, weil wir alle schon als Kinder gemalt haben. Und dabei waren eben die einen ‚besser‘ als die anderen. Ihre Bilder waren schöner, glichen mehr dem zu zeichnenden Objekt und es schien ihnen leichter zu fallen, zu zeichnen oder zu malen. Das waren dann eben die talentierten Kinder, was durch die Beurteilungen von Lehrern und Eltern ja auch so kund getan wurde. Die anderen haben für sich fest gestellt: ich kann es nicht. Und haben es sein gelassen, zu malen und Neues dazu zu lernen. Ja, damals hatte das Ganze tatsächlich mehr mit Talent zu tun. Ab dem Punkt aber, wo die anderen Kinder, denen Talent bescheinigt wurde, angefangen haben, sich hinsichtlich des Malens weiter zu bilden – ab da wird es erst richtig spannend. Denn nun wurde die Kluft zwischen dem einen und dem anderen Lager größer und ebenso der Glaube: da – es stimmt! Die können es eben und ich kann es eben nicht. Dabei verkannte man völlig, dass die anderen sich nur so rasant weiter entwickelt haben, weil sie aufgrund ihres Talents, Freude daran hatten, Neues auszuprobieren und zu lernen und damit auch mehr als die anderen zu üben.

Lehrer und Eltern haben ja den einen bestätigt, dass sie Talent haben, die anderen sollten sich doch aber lieber ein anderes Hobby suchen. Nicht gerade hilfreich! Denn es gab die allgemein anerkannte Überzeugung weiter, dass es beim Malen eben auf das Talent ankommt. Außerdem war nun auch noch die Freude in dem ‚ich kann es nicht-Lager‘ dahin. Dabei ist die Freude und Lust darauf, zeichnen und malen zu lernen das Allerwichtigste. Wenn sie fehlen, dann macht es natürlich keinen Sinn, sich damit zu beschäftigen. Aber wenn sie vorhanden sind, dann kann man tatsächlich alles – ich wiederhole: ALLES auf diesem Gebiet – lernen, worauf man Lust hat! Talent ist für uns als Erwachsene unwichtig und war es im Grunde auch damals schon. Nur wurde damals falsch damit umgegangen. Leider kann ich an meinen Kindern beobachten, dass das heute in der Schule immer noch der Fall ist. Das macht mich nicht nur traurig, sondern auch richtig wütend. Wenn man den Kindern wenigstens nicht ihre Freude und ihren Entdecker- und Experimentiergeist nehmen würde, wäre alles gut. In starren Vorgaben malen zu müssen und dann noch abgestempelt zu werden: Nr 1 hat Talent, Nr 2 hat leider, leider kein Talent – diese Sichtweise ist tödlich für die Fortentwicklung unserer Fähigkeiten. Wie wir heute an uns sehen können.

Die gute Nachricht ist: mit diesem neuen Wissen können wir nun etwas für uns verändern.

Vielleicht hast du in deinem Erwachsenenleben schon einmal anderen beim Zeichnen zugeschaut – und wenn es nur bei youtube oder Instagram war. Du dachtest vielleicht: Wow, das ist unglaublich! Wofür ist wohl diese Linie und jene? Und hast gestaunt wie ein kleines Kind. Es hat auch irgendwie etwas Magisches, wenn eine Zeichnung entsteht. Irgendwann ergibt das Ganze einen Sinn und hast begonnen, das Gesamtbild zu erkennen. Du warst begeistert und beeindruckt und dachtest vielleicht: Das ist sooo toll! Nun gibt es die einen, deren erster Gedanke dieser ist: sowas werde ich nie können. Die Wagemutigeren bekommen Lust, es auch einmal selbst ausprobieren zu wollen. Und sie fangen an. Doch es wird einfach nicht so, wie sie sich das vorstellen. Nachdem sie ein paar mal radieren und wieder neu anfangen, geben sie entnervt auf und fühlen sich bestätigt: Ich kann das eben nicht.

So ist es mir auch schon oft ergangen. Bis ich irgendwann begriffen habe, dass es genauso ist, wie ich meinen Kindern immer sage: eine neue Fähigkeit zu erlernen, braucht drei grundlegende Dinge: Freude, Zeit und Anleitung. Es ist nicht so, dass man schon bei der Geburt eine bestimmte Fähigkeit geschenkt bekommt. Keiner von uns konnte von Anfang an reden, laufen und schon gar nicht Auto fahren. Nur beim Malen denken die meisten, dass man dafür ’nur‘ Talent bräuchte – etwas, was man mit gegeben bekommen hat.

Vergleich und Neid

Heute vergleichen wir uns mit so vielen wahnsinnig guten Künstlern, deren Werke wir auf Instagram bewundern oder bei Pinterest oder auf Verpackungsdesigns oder in Büchern … Da kann man schon mal den Mut verlieren. Denn wie sollen wir jemals da hin kommen? Der gefühlte Abstand zwischen unseren derzeitigen Fähigkeiten und den fertigen Bildern anderer ist extrem groß. Das Problem dabei ist: wir vergleichen unseren Start mit Werken, für die die Künstler jahrelang geübt und gelernt haben. Das ist ziemlich unfair uns selbst gegenüber und macht jegliche Ambitionen zunichte! Lass mich dir sagen: auch diese Künstler sind nicht eines Tages aufgewacht und konnten plötzlich so zeichnen. Es ist ihnen nicht zugeflogen und es wird auch uns nicht zufliegen.

Für andere Künstler ist es auch kein Kompliment, sie für ihr großes Talent zu loben. Ich selbst freue mich zwar dennoch darüber, wenn mir das jemand sagt – weil ich weiß dass derjenige nun einmal von diesem allgemeinen Weltbild ausgeht, dass Malen-können Talentsache ist. Daher kann ich es niemandem übel nehmen, wenn er so denkt. Dennoch weiß ich, es liegt nicht an meinem Talent, dass ich heute so zeichnen kann, sondern daran, dass ich mir die Zeit nehme, um zu üben und daran, was ich alles Neues lerne. Ich liebe es, Neues zu lernen und habe sehr viel Spaß am Üben!


The greats weren’t great because at birth they could paint. The greats were great cause they paint a lot.

Macklemore


Ich sage es noch einmal, weil es so immens wichtig ist: Die super-gute Nachricht ist – wenn es sich beim Zeichnen-können nicht um ein Geschenk der Natur handelt, dann ist diese Fähigkeit nichts, was nur einigen wenigen vorbehalten ist, sondern etwas, was jeder lernen kann!

Ich selbst habe es aufgegeben, neidisch zu sein auf die Künstler, deren Arbeiten mir sehr gut gefallen, weil es nicht gut ist für mich und auch nicht schön ist für den anderen Künstler. Denn ich weiß, dass eine Menge Arbeit hinter dieser Kunst steckt. Immer, wenn ich jetzt auf Instagram oder in einem Buchladen einen neuen Künstler entdecke, dessen Bilder mich total ansprechen, freue ich mich über die neue Inspiration. Denn es gibt definitiv einen Weg, dass man auf seine eigene Weise ebenso zeichnen und malen können wird wie dieser Künstler – wenn man es wirklich möchte und die entsprechende Zeit dafür investiert. Ich bin dann immer ganz freudig aufgeregt und möchte unbedingt so schnell wie möglich auch etwas in der Art probieren. Das ist ein wunderschönes Gefühl im Vergleich dazu, wie minderwertig ich mich vorher gefühlt habe, wenn ich Bilder von anderen gesehen habe und dachte: ‚Wow! Das ist so schön. Sowas werde ich nie hin kriegen.‘ Diese Einstellung macht mutlos und man fühlt sich absolut schlecht. So kommt man auch nie ins Handeln. Man legt nie los, weil man ja eh nicht daran glaubt, dass man einmal ebenso gut werden könnte. Also wozu versuchen? Ich bin mir sicher, dass die viele so denken und aus diesem Grunde gar nicht erst anfangen. Und das ist sehr, sehr traurig. Denn wenn es diese leise Sehnsucht gibt, auch (wieder) malen zu wollen und man ihr nicht nachgeht, dann gibt man ein stückweit seines Selbst auf. Man erkennt sich selbst nicht an, schätzt sich nicht genug wert und vergräbt den eigenen Selbstausdruck unter Zweifeln und Angst. Dadurch schwindet auch ein stückweit das eigene Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen – also das Vertrauen in sich selbst, denn die Entwicklung, die einen stark machen würde, spürt man erst im Tun – außerhalb der Komfortzone.F

Fixed vs. growth mindset

Ich möchte dir ein Konzept vorstellen, dass für mich persönlich – ich möchte fast sagen – ALLES verändert hat, nicht nur in Bezug auf das Malen, sondern auch für mein ganzes Leben: die Unterscheidung zwischen dem fixed und dem growth mindset. Davon zu erfahren war für mich einer DER Aha-Momente meines Lebens. Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, als ein Freund meines Vaters, als ich klein war, einmal über mich sagte: Ani muss noch lernen, dass ein Miss-Erfolg keine Niederlage ist. Sie darf solche Dinge nicht persönlich nehmen und sollte sich nicht geschlagen fühlen. Ich spürte damals schon, dass er mit dieser Aussage einen Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Daher hat mich seine Aussage auch lange beschäftigt. Aber der Reihe nach …

Mindset bedeutet: Gedanken, Haltung, Denkweise oder Einstellung. Man könnte auch sagen, es handelt sich hierbei um unsere Glaubenssätze, die wir über uns selbst haben. Was glauben wir in Bezug auf unsere Intelligenz, unsere Talente und unsere Persönlichkeit? Diese Gedanken bestimmen darüber, welche Einstellung wir zum Leben haben und wie wir lernen. Vor allem bestimmen sie aber auch über unsere Entscheidungen und Handlungen. Wenn du glaubst, du kannst nicht malen, dann wirst du gar nicht erst ins Handeln kommen und ganz einfach nicht einmal anfangen, obwohl du es vielleicht gerne tun würdest. Und diese Nicht-Handlung aufgrund deines Glaubenssatzes ‚Ich kann es nicht‘, hat wiederum Einfluss darauf, wie glücklich, erfüllt und erfolgreich du dich fühlst.

Lass uns das einmal näher beleuchten:

Dr. Carol Dweck, Psychologieprofessorin an der Universität in Stanford erforscht seit vielen Jahren, welche Auswirkungen die Einstellung von Menschen in Bezug auf das Lernen und ihren Lebenserfolg hat. Sie unterscheidet zwischen Personen mit einem growth mindset und Personen mit einem fixed mindset.

Personen mit einem fixed mindset, sind jene, die davon ausgehen, dass Talente, Begabungen und angeborene Intelligenz über den Lebenserfolg entscheiden. Sie wägen vor ihren Handlungen ab, ob die Handlung erfolgsversprechend sein wird, denn wäre sie das nicht, würden sie sich persönlich davon angegriffen fühlen – sich als Versager fühlen. Dadurch gehen sie allgemein weniger Risiken ein, bleiben lieber in ihrer Komfortzone und vermeiden Situationen, in denen sie sich selbst beweisen könnten, dass sie nicht so gut sind, wie sie gedacht haben. Denn das wäre durchaus identitätsbedrohend. Insofern kann anfängliches Talent sogar kontraproduktiv sein. Am Anfang erzielt man vielleicht schnellere Erfolge als andere, aber wenn es schwieriger wird, dann schreckt man vor der Aufgabe zurück – was wenn heraus kommt, dass das Talent, das ja angenommenerweise nur in einem gewissen Ausmaß vorhanden ist, nicht ausreicht bzw. doch nicht so groß ist? Dann lieber gar nicht erst probieren. Dadurch entwickeln sich Personen mit dem fixed mindset viel weniger weiter als Personen mit einem growth mindset. Das Nicht-Erreichen eines Ziels kommt nicht nur eines Rückschlags gleich, sondern sogar einer Niederlage. So schnell wird eine Person mit einem fixed mindset nicht wieder aufstehen und die Sache erneut versuchen – wenn sie es überhaupt jemals tut. Bei einer erlebten Niederlage kann dieser Mensch sogar dermaßen blockiert und in seinem Selbstbewusstsein erschüttert sein, dass nicht einmal mehr leichtere Aufgaben ausgeführt werden können. Das hat Dr. Dweck in einem Experiment nachgewiesen. Die Person ist die ganze Zeit dabei, sich und anderen zu beweisen, dass sie ohne Schwächen ist. Das ist furchtbar anstrengend und außerdem unmöglich. Jeder Mensch hat Schwächen und Fehler und ist auf unterschiedlichen Gebieten unterschiedlich weit entwickelt.

Menschen mit einem growth mindset haben eine wachstumsorientierte Einstellung zum Leben. Für sie sind Talente und Begabungen nur der Ausgangspunkt. Sie gehen aber weiterhin davon aus, dass sie alles lernen können, was sie möchten. Sie lieben es Neues zu lernen. Wenn eine Handlung nicht funktioniert, dann werten sie sich nicht ab, sondern sagen sich: Wenn ich mich mehr anstrenge oder das nächste Mal etwas anderes ausprobiere, werde ich auf jeden Fall erfolgreicher sein. Sie geben nach Rückschlägen nicht auf. Ihr Selbstwertgefühl nimmt nicht ab, nachdem etwas nicht funktioniert hat, weil sie das nicht persönlich nehmen. Der Nicht-Erfolg liegt für sie nicht an mangelnder Begabung, sondern daran, dass sie mehr Zeit brauchen, sich mehr anstrengen oder anders an eine Sache heran gehen müssen. Hier sieht man auch, dass Personen mit einem wachstumsorientierten Mindset nicht nur das ‚Jetzt‘ sehen, sondern das große Ganze. Sie haben einen gewissen Weitblick und Durchhaltevermögen. Ein Rückschlag ist nur ein Rückschlag. Für sie geht dadurch die Freude an der Sache nicht verloren. Weiter zu machen ist für sie eine freudige Herausforderung, weil sie das große Ganze – ihr Ziel – im Auge haben und auch ihre Fehler auf dem Weg dorthin wert schätzen. Fehler zu machen ist Teil des Lernens. Das Leben ist für sie eine interessante Reise mit unendlichen Möglichkeiten. Neues auszuprobieren ist aufregend und macht Spaß.

Ich selbst habe schon immer gerne Neues gelernt – Neues ausprobiert hingegen weniger. Fehler zu machen und – um auf das Malen zurück zu kommen – nicht so malen zu können, wie ich mir das vorgestellt habe, hat mir ein ziemlich schlechtes Gefühl gemacht. Manchmal habe ich wochenlang keinen Stift mehr in die Hand genommen und hatte lange gar keine Lust, es noch einmal zu versuchen. Ich dachte: Ich bin eben doch nicht so gut, wie ich dachte.

Wo kommt das aber her, ob wir Menschen mit einem fixed oder einem growth mindset sind? Hauptsächlich daher, wie wir erzogen worden sind. So, wie unsere Eltern mit uns gesprochen haben, so sprechen wir heute mit uns selbst. Die meisten von uns sind als Kinder für Noten und Leistungen gelobt worden, die wenigsten hingegen für ihre Versuche, ihre Anstrengungen, ihre Verbesserungen und ihr Durchhaltevermögen.

Wenn du auch zu den Personen mit einem fixed mindset gehörst, dann verzage bitte nicht. Wir können zwar unsere Kindheit nicht wiederholen und unsere Eltern und Lehrer bitten, es besser zu machen, aber wir können anfangen, anders mit uns selbst zu sprechen. Und DAS macht definitiv den größten Unterschied! Das Gehirn kann sich ständig weiter entwickeln. Wie nutzt du dein Gehirn?

Hier zeige ich dir eine Gegenüberstellung von Aussagen, die wir nie wieder zu uns sagen sollten und Aussagen, die erstere ersetzen werden:

liebevolle Selbstannahme beim zeichnen lernen, auch ohne Talent
Der Selbstdialog beim growth mindset hört sich wohltuend liebevoll an und lässt Raum für Entwicklung.

Nicht nur bringen uns die Aussagen des wachstumsorientierten Mindsets viel weiter, sondern wir sprechen auch liebevoller mit uns selbst, wir fühlen uns dadurch besser, wir haben mehr Spaß am Lernen und am Ausprobieren – denn Fehler sind nichts Schlimmes. Wir nehmen uns selbst an und schätzen uns viel mehr wert. Warum sollten wir da noch bei dem fixed mindset bleiben?

Aber denke immer daran: auch eine andere Art mit uns zu sprechen, braucht seine Zeit. Jeden Tag führen wir unglaublich viele Selbstdialoge – die meisten davon unbewusst. Zuerst einmal ist es daher wichtig, überhaupt darauf zu achten, was wir uns so alles selber erzählen. Dazu ist Achtsamkeit nötig. Sehr gut hilft es, zu meditieren, innerlich ruhig zu werden und seine Gedanken zu beobachten. Wenn meditieren noch zu schwer oder ein Buch mit 7 Siegeln für dich ist, dann kann ich dir sagen, dass wir gerade auch beim Malen sehr gut wahrnehmen können, wie wir mit uns sprechen. Für mich funktioniert auch sehr gut folgende Strategie, um mir meiner Selbstdialoge bewusst zu werden. Beim Malen liegt ein weiteres Blatt neben mir oder ich nutze gleich mein Journal, in das ich auch male, dazu. Wenn Gedanken kommen – am Anfang waren es allermeistens nur negative – dann schreibe ich sie mir gleich auf – ohne mir das Ganze groß anzuschauen, zu bewerten oder mich davon ablenken zu lassen. Das einzige, was ich dann gleich tue ist, diesen negativen Gedanken in einen positiven umzuformulieren. Später schaue ich mir neben dem Bild auch noch an, was ich aufgeschrieben habe, um mir immer bewusster darüber zu werden, was ich denke – denn nur dann kann ich diese Gedanken auch wirklich ändern.

positiver Selbstdialog beim Malen
Auf dieser Seite hatte ich z.B. unten aufgeschrieben, was für mich wichtig ist beim Malen. Ich habe Negativität gar nicht erst zugelassen, auch wenn ich die eine Hand offensichtlich bis zum Ende nicht wirklich hinbekommen habe zu malen.

Selbst wenn ich denke, die Gedanken meines fixed mindsets sind gerechtfertigt – à la: Es stimmt doch! Ich kann das einfach nicht! -, dann frage ich mich:

Bringt mich dieser Gedanke weiter? Dient er mir?

Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall. Also lasse ich diese oft so selbstzerstörerischen Gedanken los. Nur so komme ich voran – und zwar mit Freude, ohne die das Ganze ja nun wirklich sinnlos wäre. Lassen wir das mit den Füßchen aufstampfende Kleinkind kurz mal stampfen, aber dann geht’s weiter … 😉Und wenn es erst am nächsten Tag ist. Denn nicht an jedem Tag funktioniert alles gleich gut.

Was ist Erfolg?

Um unseren inneren Kritiker zu besänftigen brauchen wir Erfolge. Wann wir uns als erfolgreich ansehen, sollten wir aber definitiv selbst bestimmen.

Wie wir gesehen haben, sollte unser Erfolgserlebnis nicht auf unser derzeitiges Können oder unseren Fertigkeiten alleine fußen, sondern v.a. auch auf unserer Weiterentwicklung und darauf, ob und mit welcher Einstellung wir malen. Erfolg könnte z.B. so aussehen: Ich bin erfolgreich, wenn ich heute 20 min. male. Damit bin ich 20 min. weiter als gestern.. Oder: Ich bin erfolgreich, weil ich mir heute meine Malzeit gegönnt habe und so richtig mit dem Herzen dabei war. Oder: Ich bin erfolgreich, weil ich mich heute angestrengt habe und die Hände heute viel besser malen konnte als gestern. Oder: Ich komme voran. Ich habe jetzt schon Körper und Hände geübt.

Misserfolg ist vorprogrammiert, wenn du dich an Maßstäben anderer misst und dir sagst: ich bekomme das einfach nicht hin, wie xy zu malen. Abgesehen davon, dass man niemals genau wie jemand anderer malen kann, weil auch das Malen wie eine eigene Handschrift ist, ist es absolut kontraproduktiv, sich mit anderen zu vergleichen und sich selber dadurch runter zu ziehen. Warum es so wichtig ist, seine eigene Malweise uns damit seinen Stil anzuerkennen, kannst du in diesem Artikel lesen: Wie du deinen eigenen Zeichenstil findest bzw. warum du gar nicht mehr suchen musst.

Definiere deinen Erfolg für dich selber – anhand deiner eigenen Weiterentwicklung. Alles andere wird zu schlechten Gefühlen führen und dafür sorgen, dass du schneller aufgibst. Ich sage mir jetzt immer:

Ich vergleiche mich nur mit mir selber – mit meinen eigenen Fähigkeitenvon gestern, letzter Woche, letztem Monat oder vor einem Jahr.

Abschließend

… möchte ich meine Gedanken gerne so zusammen fassen:

Du wirst definitiv und unausweichlich besser werden, wenn …

… du aufhörst, an den Mythos Talent zu glauben

… du dem Malen Raum und Zeit in deinem Leben gibst

… du dir Anleitungen suchst, mit denen du schneller und systematischer lernen kannst (ist im Grunde optional, aber für mich ungeduldigen Menschen ist es wichtig, schnelle Erfolge zu sehen; es spart auch auf jeden Fall Zeit und von der hat ja kein Mensch jemals eine ausreichende Menge 😋)

… du Bilder vor Augen hast, die du auch gerne malen können möchtest (= Inspiration und Motivation – sie zeigen dir, was auch du erschaffen kannst!)

… du dich immer nur mit dir selbst und deinen Fortschritten im Laufe der Zeit vergleichst und niemals mit anderen

… du Freundschaft mit deiner Angst und deinem inneren Kritiker schließt, indem du deinen Erfolg für dich selber definierst, du liebevoll mit dir selbst sprichst und dich neuen Erfahrungen und auch Fehlern öffnest – denn diese wirst du auf jeden Fall machen, es geht gar nicht anders.

… Schreibe dir auch immer deine inneren Dialoge auf, die beim Malen aufkommen. Schreibe gerne auch auf, du üben möchtest und notiere dir ebenso deine Erfolgserlebnisse. Das ist wichtig, um deinen eigenen Fortschritt anzuerkennen und dein Gehirn auf Erfolg zu programmieren. Nur so entwickeln wir uns weiter und erleben Freude am Malen.

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Artikel Mut und Lust für und auf das Malen machen sowie darauf, Neues auszuprobieren und keine Angst vor Fehlern zu haben. Erzähle mir gerne, was du von der Unterscheidung zwischen dem fixed und growth mindset hältst und ob sie dir weiter hilft. Um Malen zu lernen braucht es tatsächlich nur Vorfreude, Offenheit sowie das richtige mindset. Hast du bisher auch an den Mythos Talent geglaubt? Erzähle mir von den Glaubenssätzen, die dich zurück halten oder von deiner persönlichen Geschichte. Lasst uns voneinander lernen. Ich freue mich sehr auf den Austausch.

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